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Fjodor Dostojewski - Schuld und Sühne (2/2)

Aktualisiert: Juli 3


Dieser Post kann als "Teil 2" zu meinem Beitrag "Fjodor Dostojewski - Schuld und Sühne" gesehen werden.

Während ich im ersten Teil eher auf den Inhalt des Romans und den Autor eingehe, soll es hier mehr um eine Analyse und Interpretation gehen.



Schuld und Sühne


Fjodor Michailowitsch Dostojewskis "Schuld und Sühne" oder auch in neueren Übersetzungen "Verbrechen und Strafe" ist ein Klassiker der russischen Literatur und der Weltliteratur. 1866 erschienen ist es bis heute relevant und gut zu lesen.

Der Russische Titel kann auch als "Übertretung und Zurechtweisung" übersetzt werden, was eher die ethischen Aspekte hervorhebt, welche neben den juristischen Bedeutungen "Verbrechen und Strafe" und den moralischen Begriffen "Schuld und Sühne", alle in dem russischen Titel Prestuplenije i nakasanie (Преступление и наказание) stecken.


Dostojewski erzählt in diesem Roman den Leidensweg des jungen Studenten Rodion Raskolnikow.

Rodion Raskolnikow ist überzeugt von der Idee, "große Menschen" dürften die etablierten moralischen und ethischen Regeln übertreten.

Bei diesen Überlegungen sieht Rodion sich selbst natürlich als Angehörigen der "Großen Menschen", und seine Pfandleiherin, welche - im Gegensatz zu ihm - relativ wohlhabend ist, als Parasiten und "unwertes" Leben.

Er wüsste sehr viel besseres mit ihrem angehäuften Geld anzufangen und würde damit die Welt verbessern und so vielen Menschen helfen, dass ein Mord und Raub gerechtfertigt sei.

Raskolnikow entwickelt die Idee eines "erlaubten Mordes", die seine Theorie von den "außergewöhnlichen" Menschen, die im Sinne des allgemein-menschlichen Fortschritts "natürliche Vorrechte genießen", vertieft.

Er selbst sieht sich als solchermaßen Privilegierten, der auch in der Situation eines „erlaubten Verbrechens“ Ruhe und Übersicht zu wahren weiß und immer das Ziel des allgemeinen Wohls in Augen behält.



Parallelen zu Ideologien des 20. Jahrhunderts



Nationalsozialismus


Wenn man diese Aussagen liest, erinnern sie stark an nationalsozialistische Ideen

"Unwertes Leben" und "Übermenschen", sowie "Parasiten", die Parallelen in Sprache sind erschreckend.

Die alte Pfandleiherin würde somit die "Rasse der Juden" darstellen.

Rodion selbst sei der "Große Mensch", der "Übermensch", wie Napoleon, ein "Eroberer und Bringer von Kultur".

So beschrieben die Nationalsozialisten die "arische Rasse" ebenfalls.

So wie Rodion, sahen auch die Nationalsozialisten die Lösung in der Ermordung von "Parasiten" und "unwertem Leben" zum "Fortschritt der Allgemeinheit".

In Raskolnikows Fall führt dies zu einem Doppelmord der alten Pfandleiherin und ihrer Schwester und dem Raub ihres Vermögens.

Im Falle der Nationalsozialisten führte dieses Denken zur systematischen Ausgrenzung von Juden, Sinti und Roma und anderen "asozialen Elementen" sowie Behinderten.

Juden mussten "Sühneleistungen" zahlen, Geschäfte und Wohnungen werden zerstört (Reichspogrom 09.11.1938), ihr Besitz wurde "neu verteilt", die Geschäfte "arisiert" = an "Arier" verteilt.

Darauf folgte der organisierte Massenmord an 5-6 Millionen europäischen Juden. (Quelle)



Entmenschlichung, "Parasiten" und die Nationalsozialisten


Andere Menschen zu entmenschlichen und entwerten wie es Rodion und die Nationalsozialisten taten (Andere Menschen als "Parasiten" und "Asoziale Elemente") führt zur Enthemmung der Überschreitung von moralischen Grenzen wie dem Mordtabu.

Zuerst wurde Zyklon B hauptsächlich als Ungeziefer-Vernichtungsmittel für die Durchgasung von Schiffen, Kühlhäusern und Getreidemühlen sowie die Entwesung von Massenunterkünften und die Entlausung von Bekleidung eingesetzt (Quelle).

Durch die nationalsozialistische Ideologie wurden die Begriffe "Parasit" und "Ungeziefer" auf Menschengruppen erweitert, um somit schließlich den organisierten Massenmord zu legitimieren.

Andere Menschen als "Ungeziefer" zu sehen und sich selbst als "Befreier", das charakterisiert die Ideologie der Rodion und die Nationalsozialisten verfallen sind.

Diese Denkweise führt unweigerlich zu mörderischen Absichten.

Die Geschichte der Nationalsozialisten zeigt uns die grausamen Auswirkungen der Entmenschlichung von ganzen Bevölkerungsgruppen.

Massenmord, unmenschliche Behandlung, Folter und Sadismus.



Kommunismus/Sozialismus


Das zum einen, aber zum anderen erinnern sie auch an die zweite große Ideologie des 20. Jahrhunderts: Den Sowjet-Kommunismus.

Raskolnikows Denken, die Pfandleiherin habe ihr Geld nur "angehäuft" durch den Nachteil anderer und, dass er, besäße er dieses Geld, viele gute Taten damit vollbringen würde, erinnert an sozialistische Ideale der Umverteilung von Kapital.

Diese Einstellung führt dann zur Vertreibung und zum Mord der besitzenden Bauern (Kulaken) und später durch Stalin auch zu Morden an Rivalen (Stalin'sche Säuberungen) sowie Massenmorden an "Dissidenten" der Ideologie der UdSSR. (Quelle)



"Umverteilung von Kapital" und radikaler Sozialismus


Das Denken, Kapital häufe sich nur in den Händen einer kleinen, hinterlistigen und bösartigen Elite an verbindet Raskolnikow mit den Sozialisten.

Auch das Denken, Besitz und Reichtum ist nicht am rechten Ort, wenn er bei denjenigen ist die ihn "verdienten", sondern, dass Kapital an Menschen umverteilt werden sollte, welche wissen wie man "zum Wohle aller" handelt.


Die Abscheu gegenüber der "herrschenden Klasse" und die Sicht des selbst oder den "unteren Klassen" als die großen Retter der Welt und Bringer der Utopie. Vielleicht war die russische Februar- und Oktoberrevolution anfangs wahrlich von der Vision einer besseren Zukunft und dem Mitgefühl für die Armen und Arbeiter beherrscht, jedoch schwang auch von Anfang an ein wahrlicher Hass gegen die "herrschende und besitzende Klasse" (Bourgeoisie) mit.

Jedenfalls wendete sich diese utopische Vision von geteilter Arbeit und gleichem Lohn für alle, eine Vision von der Herrschaft des Proletariats, einer Herrschaft aller, schnell in eine mörderische Diktatur, wie konnte das geschehen?



Die Vision war eine Welt ohne Herrscher, jeder sollte Herrscher sein, alle sollten gleich sein.

"Alle Tiere sind gleich" schrieb George Orwell in Farm der Tiere.

Das Werk selbst ist eine Fabel über Macht und Habgier der Menschen nach der russischen Revolution.


Wie auch in dem großen Klassiker der Weltliteratur, wandelte sich die Revolution bald von der Herrschaft der Räte (Sowjets) in die Herrschaft der Bolschewiki und langsam aber sicher in die Herrschaft Lenins - später Stalins - und seinen Vertrauten.

Wie in Farm der Tiere werden am Ende einfach nur die Menschen (herrschende Klasse) von "Napoleon" und seinen Schweinen (Stalin und Bolschewiki) ersetzt und für die anderen Tiere (Arbeiter und alle anderen Schichten) wird das Leben nicht einfacher, im Gegenteil, sie arbeiten sogar mehr und bekommen weniger Futter.

Ebenso wandelte sich auch die Revolution in Russland von einer utopisch-motivierten Bewegung mit Mitleid für die Armen und Arbeiter, welche suchte, das Leben "für alle" besser zu machen, zu einer mörderischen, misstrauischen und verlogenen Diktatur. Eine Diktatur in welcher "jeder, der mehr Macht, Besitz, Einfluss, Status, Möglichkeiten etc. hat, als ich" ein Angehöriger der verhassten Bourgeoisie ist und somit entweder von Stalin als "Dissident des Wegs des Sozialismus" (Stalin‘sche Säuberungen) oder von dem Volk selbst als "Kulak" (Besitzender Bauer) diffamiert und schließlich in Strafarbeitslager (Gulag) deportiert wird um dort langsam zu sterben oder direkt exekutiert wird.



So führten auch Raskolnikows Überlegungen von einer "besseren Welt" in welcher er mit dem Besitz der alten Pfandleiherin, "allen das Leben erleichtert" und Leid aus der Welt schafft, zu einem grausamen Doppelmord an der alten Pfandleiherin und ihrer Schwester.

Der Mord an der Pfandleiherin ist in seiner Denkweise "gerechtfertigt" da sie erstens nur ein "Parasit" und "Ungeziefer" sei (Vergleich Nationalsozialismus) und zweitens er mit ihrem "unverdienten" Vermögen die Utopie auf Erden bringen würde (Vergleich Sozialismus).


Jedoch betritt auch zufällig die Schwester der Alten das Zimmer nachdem Raskolnikow sie bereits mit dem Beil erschlagen hat. Dieser Schwester, der arme Lisaweta, welche geistig zurückgeblieben ist und pure Unschuld und Wehrlosigkeit symbolisiert, dieser bedauernswerten und - auch in seinem Kopf - unschuldigen Schwester, spaltet er mit dem Beil den Kopf, während sie sich nicht einmal wehrt. Dies zeigt wie Überzeugungen der "Umverteilung von Kapital zum Wohle aller", welches sich als Gedanke schön anhört, schließlich immer zum Tode und Mord von Unschuldigen führt. Genau diesen Zusammenhang zeigt uns die Geschichte mit grausamer Klarheit. In allen Nationen in welchen Ideen des radikal-utopischen Sozialismus umgesetzt wurden (Russland und später alle Länder der UdSSR, China, Kambodscha, Venezuela etc) kam es zu Massenmorden an Unschuldigen.



"Der Zweck heiligt die Mittel" und radikaler Utilitarismus


Wenn der Zweck die Utopie - welche Raskolnikow "natürlich" der Welt bringen würde - ist, dann lässt sich ein Mord in seinem Denken leicht legitimieren.

Doch niemals denkt er daran, dass er vielleicht gar nicht so "groß" ist, wie er immer denkt.

Er ist überzeugt, er wisse, was das beste für die ganze Welt wäre und wäre er nur der "Große Herrscher und Eroberer", das Paradies auf Erden würde entstehen.

Dieses Denken motiviert narzisstische Diktatoren seit Anbeginn der Zeit.


Nietzsche und Nihilismus


Auch Ideen von Friedrich Nietzsche, eines großen Bewunderers Dostojewskis, lassen sich wiederfinden. Ideen von einem "Übermenschen", welcher frei von moralischen Fesseln, die ihm durch Religion (Christentum), Gesellschaft und Kultur auferlegt wurden, seine eigenen Werte und eigene Moral erschafft.

Dagegen hätte Dostojewskij selbst jedoch Einwände:


Moralische Ideen entstehen aus religiösen Gefühlen. Logik kann sie niemals rechtfertigen.

Fazit - Dostojewskij der Hellseher?

Es ist erschreckend mit welcher Exaktheit Dostojewskij die mörderischen Auswirkungen der Ideologien der Nationalsozialisten und Sozialisten "vorhersieht".

Dostojewskij wird von vielen Psychologen, Philosophen und Schriftstellern als großes Vorbild genannt.

1918 schrieb Alfred Adler: „Was Dostojewski als Psychologe geleistet hat, ist heute noch unausgeschöpft“.

Der russische Schriftsteller hat sich einmal als lebenslangen Sucher nach dem Menschen bezeichnet:


„Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln, und wenn du ein ganzes Leben lang enträtseln wirst, so sage nicht, du hättest die Zeit verloren. Ich gehe diesem Geheimnis nach, weil ich ein Mensch sein will.“

Dostojewski wuchs in einem Armenhospital am Rande Moskaus auf, wo sein Vater als Arzt tätig war.

Dort kam er schon früh mit menschlichem Elend und mit dem Tod in Berührung.

Prägend für sein Leben war die frühe und kontinuierliche Konfrontation mit Krankheit und Tod, ferner seine Epilepsie und eine Schein-Hinrichtung im Alter von 28 Jahren.

Erst auf dem Richtplatz wurde er zu jahrelanger Zwangsarbeit in Sibirien begnadigt.


Lange vor Sigmund Freud spricht Dostojewskij vom Unbewussten.

Dostojewski hat tiefe Kenntnis von den Widersprüchen der menschlichen Seele, schildert innere Befindlichkeiten in ihrer Funktion als Abwehrmechanismen oder beschreibt äußere Beziehungsgestaltungen.

Seine akribisch beschriebenen Typenschilderungen können es gut mit den Archetypen C. G. Jungs aufnehmen.

Die Menschen Dostojewskis sind häufig auf der Suche und unerfüllt, sie suchen Grenzerfahrungen und irren sich zwangsläufig, wobei Dostojewski anmerkt:

„Ein Irrtum ist eine schöne Sache, denn der Irrtum führt zur Wahrheit.“

"Dostojewski war ein Seismograph der Konflikte, in die der Mensch mit dem Anbruch der Moderne geriet. Zentraler Gegenstand seiner Werke war die menschliche Seele, deren Regungen, Zwängen und Befreiungen er mit den Mitteln der Literatur nachgespürt hat; Dostojewski gilt als einer der herausragenden Psychologen der Weltliteratur". (Quelle)


Dies alles zeigt, dass Dostojewskij zwar definitiv ein großer "Anatom der menschlichen Seele" und Psychologe war, jedoch keinesfalls ein "Hellseher".

Er sah die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts nicht vorher, er beschrieb vielmehr die menschliche Seele und wie sie durch solche Überlegungen getrübt und zu mörderischen Absichten gedrängt werden kann (was vielleicht eine größere Leistung war als die mörderischen Entwicklungen des Nationalsozialismus und Kommunismus hervorzusehen)

Er sah die mörderischen Entwicklungen und Austriebe von Theorien der "Entmenschlichung" und der Aufteilung von Menschen in "wahre Menschen" und "Parasiten", sowie Ideen der "Umverteilung von Kapital", er sah was diese Ideen in einem Menschen anrichten und zu welchen grausamen Handlungen sie im Extremfall führen.


Dass in der nahen Zukunft einmal ganze Nationen von solchen Ideen erfasst werden und von diesen Ideen getrieben, ganze Menschengruppen auslöschen, foltern, aushungern und, wie besessen von Idealen der "Großen Menschen" und "Gerechten Verteilung" organisierte Massenmorde und Kriege führen, dies hätte selbst Fjodor Dostojewskij nicht in seinen schlimmsten Albträumen vorhersehen können.

Oder vielleicht doch? Wir werden es niemals erfahren...



Abschluss - Ein Gegenmittel zur Ideologie


Ich denke ein wirksames Gegenmittel gegen solche Ideologien ist das Bewusstsein des eigenen Unwissens und das Besinnen auf die Individualität und die ganz persönlichen Probleme, die man bewältigen kann ohne direkt die ganze Welt retten zu müssen.

Wieso solltest du die Utopie auf Erden bringen wenn du es nicht einmal schaffst deine eigenen Probleme zu lösen?

Rodion Raskolnikow ist ein armer Studienabbrecher ohne feste Arbeit, ohne soziale Kontakte, ohne Partnerin, dafür mit reichlichen psychischen Problemen (Narzissmus, Arroganz, Überlegenheitsgefühlen).

Er isst fast nichts, schläft nicht und ist besessen von seinen eigenen Ideen, über welche er jedoch eisernes Schweigen hält, er behält alle seine Grübeleien für sich und zeigt niemanden sein wahres Selbst.

Er hat Angst sich zu öffnen und sich anderen anzuvertrauen, er ist misstrauisch und eifersüchtig, sogar gegenüber seinem alten Freund Rasumichin (Rasum = Verstand, Raskol = Ideologie).

Vielleicht sollte er erstmal - wie sein ehemaliger Studienfreund Rasumichin - der Stimme der Vernunft folgen und eine Arbeit finden, sein Studium beenden, sich um seine Familie kümmern, eine Partnerin finden, mit seinen Freunden reden, sich der Welt öffnen und seine weiteren persönlichen Probleme angehen (wovon es genug gibt), dann hat er immer noch reichlich Zeit weiter zu überlegen, wie er die Welt retten will.

Ich denke wir alle sollten überlegen wie wir unser eigenes Leben auf die Reihe bekommen, anstatt zu versuchen direkt die ganze Welt zu verändern.


Am Ende wird Raskolnikow durch das Eingestehen der eigenen Fehler und Verbrechen, die darauf folgende Strafe und seine Liebe zu Sonja gerettet. Er entdeckt die Liebe zu seinen Mitmenschen und erlebt eine Wiedergeburt.



Vielen Dank, dass du dir die Zeit nahmst, meinen Post zu lesen.

Falls du deine Gedanken zu irgendetwas teilen willst, tue das gerne in den Kommentaren.


Wenn du Lust hast, "Schuld und Sühne" zu lesen, lies es, du wirst es nicht bereuen.

Wenn du jemanden kennst, dem dieses Buch gut gefiel dann teile diesen Post gerne mit dieser Person.


In diesem Sinne: Viel Spaß und Erfolg in deinem Leben und löse erst deine eigenen Probleme bevor du die ganze Welt ändern möchtest,


Max Englisch.

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